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Agenda der Fraport AG
für eine neue Unternehmenspolitik für behinderte Kunden und Mitarbeiter
von Lothar Bertrand (Vertrauensmann der Schwerbehinderten, Fraport
AG) und Jörg Bungart (BAG UB)
Am Beispiel der Fraport AG (Flughafen Frankfurt) soll dargestellt
werden, wie Unternehmenspolitik für behinderte Kunden und Mitarbeiter
innovativ gestaltet und in konkretes Handeln eingebunden werden kann.
Ausgehend von einem Vertrag zwischen Fraport und der BAG UB wurde das
Projekt „Umsetzung der Agenda für behinderte Kunden und Mitarbeiter“
zwischen Herbst 2001 und Frühjahr 2002 in enger Kooperation mit der
Schwerbehindertenvertretung durchgeführt. Die Agenda formuliert
Soll-Kriterien zur Verbesserung der Situation behinderter Kunden und
Mitarbeiter. Hintergrund ist ein Fraport Vorstandsbeschluss, mit dem die
Agenda Bestandteil der Unternehmenspolitik wurde. Seit Inkrafttreten der
Integrationsvereinbarung nach § 83 SGB IX im Oktober 2001 ist die Agenda
eingebunden in die strategischen Ansätze zur Umsetzung der Vereinbarung.
Ziel des Projektes „Umsetzung der Agenda für behinderte Kunden und
Mitarbeiter“ war:
- Ein Vergleich der in den Leitlinien der Agenda formulierten
Soll-Anforderungen mit dem aktuellen Ist-Stand und die Bestimmung
von Maßnahmen zur Verbesserung der Zielerreichung.
Zur Erreichung des Ziels wurde folgendes Vorgehen gewählt:
- Ausgewählte Gespräche zur Standortbestimmung mit
verantwortlichen Mitarbeitern der Fraport AG für die in der Agenda
benannten Unternehmensbereiche
- Auswertung schriftlicher Unterlagen, wie z.B.
Integrationsvereinbarung, Personal- und Sozialbericht,
Managementsystem-Handbuch und Materialien aus dem Bereich
„behinderte Kunden“
- Terminalbesichtigung zur Beurteilung der Barrierefreiheit
Die Agenda besteht aus zehn bzw. neun Soll-Kriterien zum einen für
behinderte Mitarbeiter und zum anderen für behinderte Kunden. Sie sind
im Folgenden aufgeführt:
Agenda für eine neue Unternehmenspolitik für behinderte Mitarbeiter
| 1. |
Chancengleichheit und Gleichberechtigung behinderter
Menschen sind integraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie
und -praxis |
| |
Der Abbau und Ausgleich von Behinderungen wird explizit in
die Zielsetzung des Unternehmens einbezogen, um Zugänglichkeit,
Chancengleichheit und Gleichberechtigung für alle Kunden und
Mitarbeiter zu erreichen. |
| 2. |
Mitarbeiterschulung und Sensibilisierung |
| |
Es werden gezielte Maßnahmen unternommen, um die Mitarbeiter
für das Thema Behinderung zu sensibilisieren. |
| 3. |
Arbeitsumgebung |
| |
Es werden gezielte Maßnahmen unternommen, um
sicherzustellen, dass die Arbeitsumgebung so gestaltet ist, dass
behinderte Menschen, die Arbeit ausführen können, für die sie
qualifiziert sind und wie jeder andere Mitarbeiter sich im
Unternehmen bewegen und an betrieblichen Aktivitäten teilnehmen
können. |
| 4. |
Einstellungspraktiken, Bewerbungsverfahren |
| |
Die Einstellungsverfahren werden überprüft und so gestaltet,
dass sie für Menschen mit Behinderungen leicht zugänglich sind
und die Beschäftigung von behinderten Bewerbern gefördert wird. |
| 5. |
Mitarbeiterförderung, Weiterbildung |
| |
Es werden gezielte Maßnahmen unternommen, damit Arbeitnehmer
mit Behinderungen dieselben Chancen wie andere Mitarbeiter
haben, ihre Fähigkeiten im Unternehmen voll zu entfalten und in
entsprechende Positionen befördert zu werden. |
| 6. |
Weiterbeschäftigung, Umschulung und Wiedereinstellung
behinderter Arbeitnehmer |
| |
Jeder Mitarbeiter, der eine Behinderung erwirbt, erhält die
volle Unterstützung des Unternehmens gemäß seiner Fähigkeiten
und Erfahrungen weiterhin oder wieder im Unternehmen zu
arbeiten. |
| 7. |
Ausbildung, Qualifizierung, Praktika |
| |
Menschen mit Behinderungen werden gezielt Ausbildung,
Qualifizierung und Praktika im Unternehmen angeboten. |
| 8. |
Menschen mit Behinderungen als normaler Teil der
Gesellschaft |
| |
Das Unternehmen nimmt Menschen mit Behinderung als
selbstverständlichen Teil ihrer Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer,
Aktionäre und Mitbürger wahr und stellt sich entsprechend auf
sie ein. |
| 9. |
Einbeziehung behinderter Mitarbeiter |
| |
Behinderte Mitarbeiter werden in die Umsetzung dieser Agenda
mit einbezogen, um sicherzustellen, dass wo immer es möglich
ist, die Personalpolitik ihre Bedürfnisse erkennt und
berücksichtigt. |
| 10. |
Überprüfung der Entwicklung |
| |
Das Unternehmen wird regelmäßig die Entwicklung der
Situation behinderter Mitarbeiter und die Umsetzung der
Kernpunkte überprüfen. Es findet jährlich ein Audit auf
Vorstandsebene zu diesem Thema statt. Ziele und Erreichtes
werden für die Mitarbeiter und die Öffentlichkeit jährlich
veröffentlicht. |
Agenda für eine neue Unternehmenspolitik für behinderte Kunden
| 1. |
Bekenntnis der Unternehmensleitung und der
Unternehmenspolitik |
| |
Service für behinderte Kunden wird integraler Bestandteil
der Produkt- und Dienstleistungsstandards des Unternehmens. Eine
entsprechende unternehmensweite Politik wird von der
Unternehmensleitung beschlossen und mit dem Rest des
Unternehmens kommuniziert. |
| 2. |
Marktforschung |
| |
Es werden Schritte unternommen, um die Präferenzen und
Bedürfnisse behinderter Kunden zu erkunden. Beschwerde- und
Kundenrückmeldesysteme werden für behinderte Kunden zugänglich
gemacht. |
| 3. |
Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen für alle |
| |
Regelmäßige Überprüfungen der Zugänglichkeit von Produkten
und Dienstleistungen für behinderte Kunden werden durchgeführt.
Wann immer möglich wird das Unternehmen behinderte Menschen als
Experten und Kunden bei der Gestaltung von Produkten und
Dienstleistungen zu Rate ziehen. |
| 4. |
Zugänglichkeit |
| |
Es werden alle vernünftigen Schritte unternommen, um
sicherzustellen, dass die Gestaltung der Räume und Umgebung
behinderte Menschen es leicht macht und nicht verhindert,
Geschäfte mit dem Unternehmen zu tätigen. |
| 5. |
Mitarbeiterfortbildung und Sensibilisierung |
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Es werden spezifische Schritte unternommen, um Mitarbeiter,
die mit der Entwicklung, dem Marketing und dem Angebot von
Produkten und Dienstleistungen befasst sind, bezüglich
Behinderungen zu sensibilisieren. Es werden Schulungen
angeboten, um Mitarbeiter mit den Dienstleistungsstandards
vertraut zu machen und guten Service für behinderte Kunden zu
gewährleisten. |
| 6. |
Kommunikation mit Kunden |
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Behinderten Kunden wird das Vorhandensein für sie
zugänglicher Produkte und Dienstleistungen bekannt gemacht.
Gleichzeitig wird darauf geachtet, dass die Werbung und andere
Bilder des Unternehmens die Vielfalt der Kunden widerspiegelt.
In der Kommunikation mit den Kunden werden immer eine Vielfalt
von unterschiedlichen Wegen und Formaten genutzt, um für alle
Kunden zugänglich zu sein. |
| 7. |
Einflussnahme auf andere Unternehmen |
| |
Die größeren Lieferanten, Vertragspartner und
Franchisenehmer werden ermutigt, diese Agenda zu übernehmen. |
| 8. |
Menschen mit Behinderungen als normaler Teil der
Gesellschaft |
| |
Das Unternehmen nimmt Menschen mit Behinderung als
selbstverständlichen Teil ihrer Kunden, Mitarbeiter, Zulieferer,
Aktionäre und Mitbürger wahr und stellt sich entsprechend auf
sie ein. |
| 9. |
Überprüfung der Entwicklung |
| |
Das Unternehmen wird regelmäßig die Verbesserung der
Situation behinderter Kunden und die Umsetzung der Kernpunkte
auf Vorstandsebene überprüfen. |
Zusammenfassung der Ergebnisse
In der Zusammenfassung der Ergebnisse des Soll-Ist-Vergleichs zur
„Agenda für eine neue Unternehmenspolitik für behinderte Kunden und
Mitarbeiter“ der Fraport AG sind die Bereiche „Kunden“ und „Mitarbeiter“
nicht getrennt dargestellt. Ausgehend von den Leitlinien der Agenda
stehen im Folgenden zum einen bereits erfüllte Soll-Vorgaben und zum
anderen zentrale Verbesserungserfordernisse, die noch umzusetzen sind,
im Mittelpunkt der Darstellung.
Ist-Stand:
- Die Verabschiedung der „Agenda für behinderte Kunden und
Mitarbeiter“ durch den Fraport Vorstand ist als wichtiger Schritt in
der Unternehmenspolitik zu bewerten. Durch den Einbezug der Agenda
in die Integrationsvereinbarung ist auch die Voraussetzung zur
Umsetzung der Agenda in die betriebliche Praxis geschaffen.
- Die Schwerbehindertenvertretung gibt das Informationsblatt
„Info-Brief“ heraus und führt Einzelgespräche mit Kollegen und
Vorgesetzten. Es existieren Schulungsangebote für Servicemitarbeiter
zum Umgang mit behinderten Kunden.
- Relevante Informationen, Produkte und Dienstleistungen sind
i.d.R. barrierefrei gestaltet. Dazu gehören u.a. der „Arrival
Service“, die Broschüre „Informationen für Fluggäste mit
eingeschränkter Mobilität“, der Faxabruf für gehörlose Fluggäste,
der Treppenlift im Regionalbahnhof mit Gegensprechanlage und die für
Rollstuhlfahrer erreichbaren Schalter an Aufzügen.
- Der Rechenschaftsbericht der Schwerbehindertenvertretung sowie
der Personal- und Sozialbericht von Fraport enthalten die
Beschäftigungsstatistik Schwerbehinderter, die Erfüllung der Quote,
die Aufträge an Werkstätten für behinderte Menschen, die erhaltene
finanzielle Unterstützung durch Integrationsamt und Arbeitsamt sowie
die Zahlung der Ausgleichsabgabe.
- Durch die im Mai 2000 eingerichtete Stelle zur
Serviceverbesserung mobilitätseingeschränkter Passagiere erfolgte
ein wichtiger Schritt zur fortlaufenden Dokumentation und
Verbesserung der Situation behinderter Kunden. Im Rahmen des
Projekts „Barrierefreie Fluggastanlagen“ wurde die
behindertengerechte Gestaltung der Anlagen geprüft und
Verbesserungsmaßnahmen festgehalten. Es wurden Standards für
mobilitätseingeschränkte Passagiere im Lastenheft für das geplante
Terminal 3 verankert.
- Fraport unterhält ein Beschwerdemanagement, welches mit
verschiedenen Rückmeldeverfahren arbeitet. Daneben ist ein Beirat
aus Fluggästen bei Fraport eingerichtet. Hier werden
unterschiedlichste Inhalte zum Themenbereich „Passagierservice“
angesprochen und Anregungen für Verbesserungen gegeben.
- Das Unternehmen unterstützt Mitarbeiter, die eine Behinderung
erwerben, dabei, weiterhin im Unternehmen zu arbeiten. Bewährt hat
sich der sog. „Runde Tisch“, d.h. Schwerbehindertenvertretung und
die übrigen Beteiligten suchen gemeinsam nach Lösungen. Zur
Vorbeugung körperlicher Erkrankungen, z.B. im Bereich Flugzeugbe-
und Flugzeugentladung, werden in Kooperation mit einer Krankenkasse
Rückenschulungen bereits mit Einstellungsbeginn angeboten.
- Die Schwerbehindertenvertretung wird i.d.R. in
Einstellungsverfahren einbezogen. Die Schwerbehindertenquote konnte
in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert werden und lag 2001
bei 4,7%.
- Organisiert durch die Schwerbehindertenvertretung und in
Kooperation mit der Personalentwicklung bietet das Unternehmen
Praktika für behinderte Schüler und Studierende an.
Verbesserungen:
- Aufgrund ihrer Entscheidungs- und Vorbildfunktion sollten
Zielsetzung und Inhalte der Agenda den Führungskräften in Schulungen
explizit vermittelt werden, wie dies die Integrationsvereinbarung
vorsieht. Die Schulungsmodule könnten in Kooperation mit behinderten
Experten entwickelt werden. Die bestehenden Schulungen sind
fortlaufend auszuwerten und ggf. zu verbessern. Ein Schulungsvideo
könnte die Anschaulichkeit zum Umgang mit behinderten Kunden
erhöhen.
- Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit ist eine Veröffentlichung
der Agenda als Faltblatt, ähnlich wie Leitbilder und
Führungsgrundsätze, sowohl zur internen als auch externen
Verbreitung (Marketing) zu empfehlen. Darüber hinaus sollten
behinderte Menschen selbstverständlich als Kunden in der
Außendarstellung des Flughafens (Plakate, Fotos etc.) erscheinen.
Hier könnte Fraport eine Vorbildfunktion für andere Unternehmen
einnehmen.
- Zur Weiterentwicklung eines barrierefreien Services sind die
entsprechenden Schnittstellen zu anderen Unternehmen gezielt zu
verbessern (z.B. Deutsche Bahn, Fluggesellschaften und Reisebüros).
Entsprechend sollte die Kooperation mit relevanten Unternehmen
angebahnt bzw. verstärkt werden. Denkbar wären z.B. gemeinsame
Schulungen der Servicemitarbeiter von Fraport, Deutsche Bahn,
Deutsche Lufthansa und Reisebüros.
- Die Bezeichnung „Behindertenwartezone“ sollte geändert werden,
z.B. in Fluggastservice oder Fluggastassistenz. Die Kennzeichnung
von Sitzgelegenheiten in Terminal 2 ist zu ändern: Dort sind als
behindertengerecht gekennzeichnete Bänke außerhalb des üblichen
Wartebereichs aufgestellt und grenzen die Benutzer deshalb eher aus.
Ein nahtloser Service für behinderte Kunden zwischen Ankunft und
Abfahrt bzw. Abflug ist zu konzipieren.
- Es wird vorgeschlagen, die Bedürfnisse behinderter Mitarbeiter
bei der Gestaltung der Unternehmensräume und -abläufe bereits bei
der Planung und Auftragsvergabe zu bedenken und zu berücksichtigen
sowie bestehende Barrieren abzubauen und Unternehmensprozesse
entsprechend anzupassen. Zu empfehlen sind eine Schulung, der für
die Gelände- und Gebäudeinstandhaltung zuständigen Mitarbeiter, eine
regelmäßige gemeinsame Begehung mit behinderten Experten und eine
verpflichtende Verankerung entsprechender Hinweise und
Verfahrensweisen in den Planungen und Ausschreibungen.
- Personalentscheider sollten im Hinblick auf das Erkennen von
Fähigkeiten und Stärken behinderter Bewerber geschult werden.
Entsprechend ist die Abstimmung zwischen den Personalentscheidern
und der Schwerbehindertenvertretung weiter zu optimieren und die
Kooperation mit Ausbildungseinrichtungen, vor allem den (Fach-)
Hochschulen, zu intensivieren.
- Das Bewerbungsverfahren sollte auf seine Zugänglichkeit für
behinderte Bewerber überprüft werden. Materialien, die im Rahmen des
Assessment eingesetzt werden, sollten auch in alternativen Formaten
(z.B. Diskette mit Textdatei, Braille, Großschrift) erhältlich sein.
Die Fort- und Weiterbildung von behinderten Mitarbeitern sollte
gezielt gefördert werden.
- Es wird vorgeschlagen, in den Ausschreibungen darauf
hinzuweisen, dass Bewerbungen von behinderten Auszubildenden
erwünscht sind. Praktika sind eine gute Möglichkeit für das
Unternehmen Bewerber mit Behinderung kennenzulernen und sollten mit
Einstellungsprogrammen verzahnt werden.
Schließlich ist zur Überprüfung der Entwicklungen im Bereich
„behinderte Mitarbeiter / Kunden" die Agenda in das
Qualitätsmanagementsystem (QMS) von Fraport einzubinden. Dazu wurde zum
Abschluss des Projektes in Zusammenarbeit mit dem
Qualitätsmanagementbeauftragten ein konkreter Vorschlag erarbeitet und
ein Zeitplan für 2003 vereinbart. Zur Umsetzung der Agenda wird es
entscheidend sein alle Verantwortlichen auch tatsächlich einzubinden.
Die strukturellen und inhaltlichen Voraussetzungen dazu wurden
geschaffen.
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